Die Fondillón-Güter und lebendigen Höfe der Huerta
Offizielle historische und ethnografische Dokumentation über die noch erhaltenen Gutshöfe, Kellereien und Keltern der Huerta von Alicante. Eine Landschaft, die eng mit der Monastrell-Traube und dem legendären Fondillón-Wein verbunden ist.
Vom Fluchtturm zum herrschaftlichen Landgut
Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert vollzog die Huerta von Alicante einen Wandel von einer Verteidigungslinie zu einer wohlhabenden Weinbaulandschaft:
Verteidigungs- und Alarmphase
Angesichts der Angriffe von Barbaresken-Korsaren (Barbarossa, Dragut) baute die Region über 40 Wachtürme, die über Rauch- und Feuersignale mit der Burg Santa Bárbara vernetzt waren.
Landadel- und Fondillón-Phase
Die Befriedung der Küste und der Bau der Tibi-Talsperre (des damals größten Staudamms Europas) machten aus den Wehrtürmen das Zentrum repräsentativer Gutshäuser (cases de camp) mit großen Reifekellern.
Wie die großen Landgüter der Huerta erhielt auch Torre Sarrió neben dem wuchtigen Wehrturm ein repräsentatives Herrenhaus für Landwirtschaft und Weinbau, heute als Interpretationszentrum eingerichtet.
Aufbau der traditionellen Huerta-Kellerei
Die Kellereien von Alicante passten sich bioklimatisch an, um den Wein vor der Sommerhitze und trockenen Westwinden zu schützen:
Der Cup (Gemauerte Traubenkelter)
Mauerwerksbecken mit hydraulischem Kalkverputz
Viereckiges Becken, in das die Weinlese gefüllt und traditionell barfuß getreten wurde. Eine untere Ausgussöffnung (espenta) leitete den Most durch Eigengewicht direkt in den Keller ab.
Cava (Halbunterirdischer Reifekeller)
Thermische Trägheit unter Tonnengewölben
Halbunterirdischer, nach Norden ausgerichteter Bau zur Vermeidung direkter Sonneneinstrahlung. Geschützt durch Tonnengewölbe aus Haustein für eine konstante Temperatur zur Fassreife.
Fassbänke und Eichenschwellen
Auflager für Großfässer und Solera-System
Niedrige Mauersockel mit Querbalken aus Eichen- oder Steineichenholz, auf denen die großen Fässer (tonells monovers) lagerten, um das Umfüllen und die Solera-Reifung zu erleichtern.
Rosinentrockenböden (Cambras)
Sonnentrocknung der Monastrell-Trauben
Nach Süden ausgerichtete Bogenhallen über dem Keller. Auf luftigen Schilfrohrmatten trockneten die geernteten Monastrell-Trauben an der Sonne, um den natürlichen Zuckergehalt zu konzentrieren.
Erhaltene historische Landgüter und Kellereien
Bedeutende Denkmäler der Huerta von Alicante, die ihre originalen Weinbau- und Kelleranlagen bewahrt haben:
Finca Morote
Komplette Kellerei mit zwei intakten Keltern und historischer Ölmühle
Außergewöhnliches vorindustrielles Agrarensemble mit komplett erhaltener Mühlentechnik. Die Keltern und Kellerräume bieten ein authentisches Bild des historischen Weinbaus.
Erhaltene Bauelemente:
- Zwei vollständig erhaltene Traubenkeltern (cups) im Wirtschaftsflügel
- Historische Ölmühle aus dem 17. Jh. mit konischem Mahlstein
- Reifekeller mit historischen Tonkrügen und Eichenfässern
- Umfassende Sammlung traditioneller landwirtschaftlicher Geräte


Privatbesitz mit museumspädagogischer Nutzung. Nach Voranmeldung vollständig besuchbar.
Offizielle WebsiteTorre Ansaldo
Interpretationszentrum der Huerta von Alicante
Herausragendes Beispiel für den Umbau eines Wehrturms in ein landwirtschaftliches Weingut. Heute das zentrale Kultur- und Informationszentrum der Huerta.
Erhaltene Bauelemente:
- Freistehender quadratischer Wehrturm aus dem 16. Jahrhundert
- Gutshaus mit restauriertem historischem Weinkeller
- Gemauerte Traubenkeltern und traditionelle Ölmühle
- Kulturelles und pädagogisches Begegnungszentrum

Kommunales Eigentum (Stadtverwaltung Sant Joan). Öffentlich zugängliches Museum.
Finca Lo de Die
Weinkeller mit sechs Steinbögen und monumentaler Trockengalerie (18. Jh.)
Eines der monumentalsten herrschaftlichen Weingüter der Huerta von Alicante, mit einem meisterhaft gewölbten Steinkeller zur Reifung der Monastrell-Weine der Familie Die und einer großartigen fünfjochigen Trockengalerie.
Erhaltene Bauelemente:
- Halbunterirdischer zweischiffiger Keller mit 6 Rundbögen aus Haustein
- Monumentaler Rosinentrockenboden mit 5 Segmentbögen im Außenbereich
- Massive Pfeiler aus Bruchstein und fein behauener Sandstein
- Quadratischer Turm mit Sonnenuhr und integrierter Hauskapelle
- Historische Station der Santa-Faz-Wallfahrt (die traditionelle 'paraeta')
Die Finca Lo de Die ist derzeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich; sie bleibt nach dem Auszug der Betreiber von Villa Marconi infolge einer behördlichen Schließung Anfang 2026 wegen baurechtlicher Auflagen geschlossen. Die Eigentümer des historischen Anwesens aus dem 18. Jahrhundert verhandeln über neue Pächter für Veranstaltungen, derzeit findet jedoch kein regulärer Betrieb statt.


Historisches Privateigentum. Derzeit für die Öffentlichkeit geschlossen und ohne Gewerbebetrieb nach Aufgabe durch Villa Marconi.
Finca Lo de Bellón / Torre de la Cadena
Herrschaftlicher Ansitz mit Zinnenturm und Fassauflagern
Elegantes Landgut, das wehrhafte Architektur mit funktionalen Kellerräumen für große Weinfässer verbindet.
Erhaltene Bauelemente:
- In das Gutshaus integrierter Zinnenturm
- Abladeportikus und zentraler Verteilerflur
- Kellerraum mit gemauerten Bänken und Eichenauflagern für Fässer
- Prägende Landmarke an den historischen Santa-Faz-Wegen

Privates Wohnanwesen. Außenansicht Teil der offiziellen Santa-Faz-Route.
Finca Capucho / Els Barons
Adelssitz des 17. Jh. und ikonisches Wohn- und Atelierhaus des Architekten Juan Guardiola Gaya
Historischer Adelssitz des 17. Jahrhunderts in Fabraquer, verbunden mit den Baronen von Finestrat, deren Fondillón- und Malvasierweine auf der Weltausstellung 1851 in London ausgezeichnet wurden. Im 20. Jahrhundert wandelte der renommierte Architekt Juan Guardiola Gaya die Stallungen in sein legendäres Atelierhaus um und schuf ein Gesamtkunstwerk aus ländlicher Tradition und moderner Avantgarde.
Erhaltene Bauelemente:
- Historischer Stammsitz des 17. Jh. der Barone von Finestrat (Fondillón-Wein 1851 in London prämiert)
- Ikonisches Wohnatelier und Landsitz des Meisterarchitekten Juan Guardiola Gaya
- Avantgardistische Synthese aus traditioneller Huerta-Baukunst, Skulpturen, Collagen und Gartenkunst
- Historische Pferdestallungen des 19. Jh., umgestaltet zu Wohn- und Schaffensräumen
- Militärische Fliegerunterkunft während des Spanischen Bürgerkriegs
Denkmalschutzinitiative: Das Ensemble steht im Mittelpunkt einer Bürgerinitiative zur unverzüglichen Ausweisung als Lokales Kulturgut (BRL) zum dauerhaften Schutz dieses einmaligen Erbes.
Privateigentum. Einzigartiges Architektur- und Kulturdenkmal im Denkmalschutzverfahren.
Finca Cassou
Klassizistische Residenz mit Tibi-Bewässerungsbecken und Kellern
Imposantes Landgut in Mutxamel, das den direkten Zusammenhang zwischen der Tibi-Bewässerung und der Fondillón-Produktion verdeutlicht.
Erhaltene Bauelemente:
- Klassizistisches Herrenhaus inmitten historischer Gartenanlagen
- Historisches Wasserbecken, gespeist aus dem Kanal der Tibi-Talsperre
- Ölmühle, Stallungen, Trockenboden und Monastrell-Reifekeller
- Traditionelles Bewässerungssystem der lokalen Wassergenossenschaft
Privates Anwesen für Veranstaltungen. Gärten und Fassaden von außen einsehbar.
Die wirtschaftliche Blüte des 18. Jahrhunderts
Im 18. Jahrhundert erlangte der Fondillón weltweites Renommee dank königlicher Schutzprivilegien und des regen Seehandels:
Das Weinmanifest (Manifiesto del Vino)
Die amtlichen Steuerbücher des Manifiesto del Vino erfassten den Ertrag in alicantinischen Cántaros (genau 11,55 Liter) und verzeichneten über 100 aktive Kellereien mit Exporten an europäische Fürstenhöfe.
Das Weinschutzgesetz (Inhibición del Vino)
1510 von König Ferdinand dem Katholischen erlassen, verbot dieses Gesetz die Einfuhr fremder Weine, solange einheimischer Wein verfügbar war, und sicherte so den Wohlstand der Erzeuger.
Das Konsulat des Meeres und Graf Lumiares
Das Konsulat (1785) unter Antonio Valcárcel (Marquis von Castel-Rodrigo) organisierte den Welthandel. Sein Gut La Princesa (Fabraquer) lagerte 35 Fässer und 3.075 Cántaros. Sein Sohn, der gelehrte Graf Lumiares, verfasste grundlegende wissenschaftliche Abhandlungen über die Weinbereitung.
Die Reblausplage und das Ende der traditionellen Kellereien
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete die Reblaus (Phylloxera) die Monastrell-Reben und beendete die große Weinbauära:
Ohne die Einnahmen aus dem Weinhandel wandelten sich die Gutshöfe zu Sommerfrischen des Stadtbürgertums, das die Trockenböden zu Ballsälen umbaute.
Der Festsaal der Torre Juana
Das anschaulichste Beispiel: Die ehemaligen Rosinentrockenböden der Torre Juana wurden zu einem herrschaftlichen Ballsaal für gesellschaftliche Sommerfeste umgestaltet.
Offizielle Quellen und Fachwissenschaftler
Die Inhalte stützen sich auf archivalische und ethnografische Forschungen renommierter Denkmalexperten:
Verónica Quiles López
Historikerin und Denkmalforscherin
Untersuchungen und Fotodokumentation von Traubenkeltern, Ölmühlen, Peñacerrada-Pressen und historischen Rebgärten.
Joan Chápuli
Forscher und Chronist
Dokumentation historischer Weinkrüge des 19. Jahrhunderts (Sammlung Isidro Buades) und der Mühlen an der Acequia Mayor.
Pablo Pérez und Luis F. Caballero
Architektur und Wasserbau-Denkmalpflege
Vermessungen und Studien zu Gutshöfen, Mühlen und Bewässerungsanlagen des Tibi-Systems.
